Ermutigung statt Lob und Tadel: Beispiele für den Alltag
Wir alle möchten Menschen stärken. Doch manchmal wird aus gut gemeintem Lob unbemerkt Bewertung – und aus Hilfe Bevormundung. Was unterscheidet Ermutigung von Lob und Tadel? Und wie können wir so miteinander sprechen, dass Zugehörigkeit, Eigenverantwortung und innere Kraft wachsen dürfen?

Als ich mein erstes Video zum Nullpunktfeld veröffentlicht habe, war das ein mutiger Schritt für mich. Doch noch einmal anders fühlte es sich an, das Video anschließend in meinem WhatsApp-Status zu teilen.
Plötzlich war es nicht mehr nur irgendwo auf YouTube. Menschen, die mich persönlich kennen, konnten es sehen. Sie konnten es mögen, übergehen oder beurteilen. Ich spürte meine Angst vor Sichtbarkeit – und davor, was andere über mich denken könnten.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie tief Lob und Tadel in uns wirken können, selbst wenn gerade noch niemand etwas gesagt hat. Wir tragen die mögliche Bewertung oft schon in uns. Wir fragen uns: Ist es gut genug? Bin ich gut genug? Was muss ich tun, damit ich Zustimmung bekomme und weiter dazugehöre?
Gerald Hüther beschreibt immer wieder, wie problematisch es werden kann, wenn wir einen Menschen zum Objekt unserer Erwartungen, Bewertungen oder Maßnahmen machen. Bei Lob und Tadel geschieht leicht genau das: Einer beurteilt, der andere wird beurteilt. Unausgesprochen kann die Botschaft ankommen: Wenn du dich so verhältst, wie ich es richtig finde, bekommst du Anerkennung. Wenn nicht, drohen Ablehnung, Enttäuschung oder Kritik.
Doch wir Menschen möchten nicht bloß bewertet werden. Wir möchten gesehen werden. Wir möchten dazugehören. Und wir möchten spüren, dass unser Wert nicht bei jedem Fehler neu verhandelt wird.
Warum Lob und Tadel so viel Macht bekommen können
Kinder sind in besonderem Maß auf Beziehung, Schutz und Zugehörigkeit angewiesen. Sie beobachten sehr genau, welches Verhalten Nähe schafft und welches Verhalten Spannung oder Distanz auslöst. Dabei können innere Schlussfolgerungen entstehen:
- Wenn ich etwas leiste, werde ich gesehen.
- Wenn ich mich anpasse, bin ich sicher.
- Wenn ich keine Fehler mache, werde ich nicht kritisiert.
- Wenn ich besonders pflegeleicht bin, enttäusche ich niemanden.
- Wenn ich schon keine positive Aufmerksamkeit bekomme, erreiche ich vielleicht wenigstens durch Stören, Rückzug oder Widerstand, dass ich nicht übersehen werde.
Solche Strategien sind meistens keine bewussten Entscheidungen. Sie können frühe Versuche sein, Verbindung, Bedeutung und einen Platz in der Gemeinschaft zu sichern.
Später zeigen sie sich vielleicht als Perfektionismus, übermäßige Leistungsbereitschaft, Angst vor Fehlern oder ständiges Vergleichen. Manche Menschen werden besonders angepasst. Andere vermeiden Herausforderungen, bei denen sie scheitern könnten. Wieder andere gehen in Opposition und lehnen jede Rückmeldung ab, bevor sie erneut beschämt werden können.
Das bedeutet nicht, dass jede Form von Lob solche Folgen hat. Ein ehrliches „Ich freue mich für dich“ oder „Das hast du gut gemacht“ kann wohltuend sein. Schwierig wird es vor allem dann, wenn Anerkennung zum Mittel der Steuerung wird oder wenn ein Mensch den Eindruck bekommt: Nur wenn ich etwas leiste oder Erwartungen erfülle, bin ich richtig und gehöre dazu.
Was Lob auslösen kann
Lob fühlt sich zunächst gut an. Es vermittelt Aufmerksamkeit und kann uns zeigen, dass etwas gelungen ist. Konkrete, aufrichtige Rückmeldung kann sogar das Erleben von Kompetenz stärken.
Aber Lob kann auch eine zweite Ebene bekommen: Ich beginne, nicht mehr aus Freude, Interesse oder innerer Überzeugung zu handeln, sondern für die nächste Anerkennung. Aus „Ich möchte das versuchen“ wird „Ich muss beweisen, dass ich gut bin“.
- Ich darf nicht nachlassen.
- Beim nächsten Mal muss ich es mindestens genauso gut machen.
- Ich sollte nur Dinge zeigen, in denen ich bereits sicher bin.
- Wenn niemand mich lobt, war es vielleicht nicht gut genug.
So kann selbst positives Feedback Druck erzeugen – nicht zwingend, aber besonders dann, wenn es pauschal, personenbezogen oder an Bedingungen geknüpft ist.
„Du bist ein Naturtalent“ bewertet die Person. „Ich habe gesehen, wie lange du daran gearbeitet und verschiedene Wege ausprobiert hast“ macht einen konkreten Prozess sichtbar.
Was Tadel auslösen kann
Tadel richtet die Aufmerksamkeit darauf, was falsch, unerwünscht oder enttäuschend war. Manchmal verändert ein Mensch daraufhin tatsächlich sein Verhalten. Doch die entscheidende Frage lautet: Warum verändert er es?
Vielleicht hat er etwas verstanden und eine eigene Entscheidung getroffen. Vielleicht versucht er aber auch nur, weitere Kritik, Beschämung oder den Verlust von Zugehörigkeit zu vermeiden.
Mögliche Reaktionen sind Anpassung, Angst vor Fehlern, Rechtfertigung, Verheimlichen, Rückzug, Trotz oder das Gefühl, grundsätzlich falsch zu sein. Auch negative Aufmerksamkeit kann zum Ersatz dafür werden, gar nicht gesehen zu werden.
Aus individualpsychologischer Sicht kann störendes Verhalten ein Versuch sein, Bedeutung und Zugehörigkeit zu erleben. Alfred Adler betrachtete problematisches Verhalten nicht einfach als „bösen Willen“, sondern häufig im Zusammenhang mit Entmutigung. Ein Mensch, der nicht mehr daran glaubt, auf hilfreiche Weise einen Platz zu finden, kann auf andere Strategien ausweichen.
Was versucht dieser Mensch gerade für sich zu sichern? Gesehenwerden? Einfluss? Schutz? Zugehörigkeit? Oder das Gefühl, überhaupt noch etwas bewirken zu können?
Zugehörigkeit ist nicht dasselbe wie Anpassung
Wir möchten verbunden sein. Doch wenn Zugehörigkeit von Leistung oder Wohlverhalten abhängig erscheint, beginnen wir vielleicht, uns selbst zu verlassen.
Wir sagen Ja, obwohl wir Nein meinen. Wir zeigen nur die Seiten, von denen wir glauben, dass sie willkommen sind. Wir werden perfekt, hilfreich, erfolgreich oder unauffällig – und verlieren dabei den Kontakt zu dem, was für uns wirklich stimmt.
Ermutigung setzt an einem anderen Punkt an. Sie verspricht nicht, dass jede Entscheidung Beifall finden wird. Sie vermittelt:
Du darfst deinen eigenen nächsten Schritt finden. Ich sehe dein Bemühen. Ich traue dir Entwicklung zu. Und dein Wert hängt nicht davon ab, ob alles sofort gelingt.
Was intrinsische Motivation damit zu tun hat
Intrinsische Motivation bedeutet: Ich tue etwas, weil die Tätigkeit selbst mich interessiert, mir Freude macht oder für mich sinnvoll ist. Extrinsische Motivation entsteht durch äußere Folgen – zum Beispiel Belohnung, Anerkennung, Druck oder die Vermeidung von Kritik.
Die Selbstbestimmungstheorie der Psychologen Richard Ryan und Edward Deci beschreibt drei wichtige psychologische Grundbedürfnisse:
- Autonomie: Ich erlebe Wahlmöglichkeiten und eigenen Einfluss.
- Kompetenz: Ich kann etwas lernen, bewältigen und bewirken.
- Verbundenheit: Ich fühle mich angenommen und zugehörig.
Rückmeldung kann diese Bedürfnisse unterstützen oder beeinträchtigen. Eine konkrete Information kann mir helfen, mich kompetenter zu erleben. Eine kontrollierende Bewertung kann dagegen meinen inneren Beweggrund überlagern.
Möchte ich einem Menschen etwas spiegeln – oder möchte ich ihn mit meiner Anerkennung in eine bestimmte Richtung lenken?
Woran erkenne ich Ermutigung?
Ermutigung stellt sich nicht über den anderen Menschen. Sie beschreibt, würdigt und traut zu.
- Wahrnehmen: Was sehe oder höre ich konkret?
- Würdigen: Welche Anstrengung, Entscheidung oder Fähigkeit erkenne ich?
- Zutrauen: Was traue ich der Person selbst zu?
- Öffnen: Welche ehrliche Frage gibt ihr die Verantwortung zurück?
Beispiele für den Alltag
Statt: „Super, endlich hast du es richtig gemacht.“
Ermutigend: „Du hast verschiedene Möglichkeiten ausprobiert und bist drangeblieben.“
Statt: „Du musst dich einfach mehr trauen.“
Ermutigend: „Ich merke, dass dir dieser Schritt Angst macht. Was wäre eine kleine Version davon, die sich für dich heute stimmig anfühlt?“
Statt: „Mach dir keine Sorgen.“
Ermutigend: „Ich sehe, dass dich das beschäftigt. Möchtest du erzählen oder möchtest du gerade nur, dass ich da bin?“
Statt: „Du bist so mutig.“
Ermutigend: „Du hattest Angst und hast den Schritt trotzdem gemacht. Was hat dir dabei geholfen?“
Ermutigen heißt nicht, alles gutzuheißen
Ermutigung wird manchmal mit Nachgiebigkeit verwechselt. Doch ich kann einen Menschen achten und gleichzeitig eine klare Grenze setzen:
„Ich verstehe, dass du wütend bist. Und ich möchte nicht, dass du so mit mir sprichst.“
Die Grenze bleibt klar. Aber die Person wird nicht abgewertet. Verhalten und Mensch werden nicht miteinander verwechselt.
Wie kann ich mich selbst ermutigen?
Oft führen wir Lob und Tadel innerlich weiter. Wir belohnen uns für Leistung und kritisieren uns hart für Fehler. Vielleicht hilft deshalb zunächst die Frage: Wie spreche ich mit mir, wenn etwas noch nicht gelingt?
- Ich muss noch nicht den ganzen Weg kennen.
- Ich darf lernen.
- Dieser Schritt war klein und trotzdem wichtig.
- Ich habe Angst und kann dennoch prüfen, was heute möglich ist.
- Ein Fehler sagt etwas über einen Versuch aus, nicht über meinen Wert.
- Ich darf sichtbar sein, bevor alles perfekt ist.
Für mich liegt darin eine Verbindung zum Wirkzentrum: wieder im eigenen Zentrum anzukommen, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und aus dieser Verbindung heraus wirksam zu werden.
Eine kleine Übung für heute
Erinnere dich an einen Satz, mit dem du jemanden loben, antreiben oder korrigieren wolltest. Frage dich:
- Was habe ich tatsächlich beobachtet?
- Welche Anstrengung oder innere Bewegung kann ich würdigen?
- Welche Bewertung kann ich weglassen?
- Wie kann ich Zutrauen ausdrücken?
- Braucht es überhaupt einen Rat – oder reicht es, präsent zu sein?
Vielleicht wird aus „Gut gemacht“ ein: „Du bist drangeblieben, obwohl es zwischendurch schwierig wurde.“ Beides kann freundlich gemeint sein. Der zweite Satz lässt den Menschen jedoch genauer erkennen, was er selbst getan und bewirkt hat.
Ermutigung beginnt mit einem anderen Blick
Ermutigung ist mehr als eine freundliche Formulierung. Sie ist eine Haltung. Sie fragt nicht zuerst: Wie bringe ich jemanden dazu, sich richtig zu verhalten?
Was hilft diesem Menschen, sich selbst wahrzunehmen, seinen Platz zu spüren und den eigenen nächsten Schritt zu finden?
Vielleicht können wir Lob und Tadel nicht von heute auf morgen aus unserer Sprache entfernen. Das müssen wir auch nicht. Aber wir können beginnen, genauer hinzusehen: Wo würdige ich? Wo bewerte ich? Wo traue ich zu? Und wo versuche ich unbemerkt zu lenken?
Nimm heute einen einzigen Satz und verwandle ihn in eine konkrete Wahrnehmung, ehrliche Würdigung und Zutrauen.
Häufige Fragen
Ist Lob grundsätzlich schlecht?
Nein. Aufrichtiges, konkretes Lob kann Freude machen und Kompetenz sichtbar werden lassen. Problematisch wird es vor allem, wenn Anerkennung zur Steuerung eingesetzt wird, pauschal die ganze Person bewertet oder den Eindruck vermittelt, Zugehörigkeit müsse durch Leistung verdient werden.
Was ist der Unterschied zwischen Lob und Ermutigung?
Lob bewertet häufig ein Ergebnis oder eine Person aus der Sicht des Lobenden. Ermutigung beschreibt konkreter, macht Anstrengung oder Entwicklung sichtbar und stärkt die eigene Wahrnehmung und Verantwortung des anderen Menschen.
Kann Tadel Menschen nicht auch zu Verbesserungen bewegen?
Tadel kann kurzfristig Verhalten verändern. Entscheidend ist, ob daraus Einsicht und eine eigene Entscheidung entstehen oder nur Angst, Anpassung und die Vermeidung weiterer Kritik.
Wie ermutige ich ohne ungefragte Ratschläge?
Beschreibe, was du wahrnimmst, und frage, was die andere Person gerade braucht. Manchmal ist ein Satz wie „Ich sehe, dass dich das beschäftigt“ hilfreicher als ein schneller Lösungsvorschlag.
Quellen und Einordnung
Passendes Angebot finden
Wenn du unsicher bist, womit du starten sollst: Im Erstgespräch klären wir in Ruhe, was für dich passt.


